»Anbei übersende ich Ihnen einige der bisher erschienenen Besprechungen. Sie ersehen daraus, dass nach wie vor neben den vollsten Sympathien für Ihr Schaffen auch viel Widerstand zu finden ist.« (Konzert-Bureau Emil Gutmann an Arnold Schönberg, 11. Oktober 1912)

Eine Woche vor der Uraufführung von Arnold Schönbergs »Pierrot lunaire« op. 21 (16. Oktober 1912) unter der Leitung des Komponisten fand im Berliner Choralionsaal eine Generalprobe des Melodramen-Zyklus vor geladenen Gästen statt. Der 450 Plätze umfassende Saal in der Bellevuestraße wurde anlässlich der Vorpremiere nicht nur von Sympathisanten und Sympathisantinnen des Komponisten und Novitäten-affinen Berlinern und Berlinerinnen frequentiert, die sich einen ersten Eindruck von der Musik des berühmt-berüchtigten Wieners verschaffen wollten. Schönbergs Agent steuerte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vielmehr durch eine gezielte PR-Kampagne, indem er die Einlasskarten zur Generalprobe mehrheitlich an Vertreter:innen der Presse vergeben ließ. Die Strategie blieb nicht ohne Wirkung. Bereits vor der Premiere wurde im Feuilleton ein schillerndes Kaleidoskop von Meinungen gezündet, welches sich nahtlos in die Rezeption der Schönberg-Skandalkonzerte in Wien fügen sollte.

Mit der Sammlung aller zum Thema Schönberg/Pierrot erschienenen Presseberichte war Schönbergs Künstleragentur beauftragt, ferner das »Zeitungsnachrichten-Bureau Adolf Schustermann« in Berlin.

Unter den dem Komponisten übersandten Kritiken finden sich Formulierungen, die ein hochambitioniertes Ringen um Begrifflichkeit von Schönbergs unerhörter Tonsprache erkennen lassen. Die meinungsbildende Zeitschrift »Signale für die musikalische Welt« gab sich hellseherisch:

»Herr Schönberg ist musikalischer Spiritist. Wie wenigstens seine immer wütenden Anhänger versichern, schreibt er Musik künftiger Jahrtausende, da die Sonne nur mehr als rotglühendes Nachtlämpchen am Himmel hängen wird, unsere Ur-Ur-Enkel am Aequator Schlittschuh laufen und in einem grönländischen Ball-Lokale nach Vierteltönen Walzer tanzen werden.« (23. Oktober 1912)

In Wien bediente das Büro »Observer« das Segment systematischer Presseschau. Das Unternehmen für Zeitungs-Ausschnitte (mit Vertretungen in Berlin, Chicago, Genf, London, New York, Paris, Rom und Stockholm) wurde von Schönberg beauftragt, Kritiken zu Wiener Uraufführungen zu sammeln und an ihn weiterzuleiten.

Das persönliche Pressearchiv Arnold Schönbergs befindet sich zu einem überwiegenden Teil im Archiv des Schönberg Center in Wien. Ein kleines, aber nicht weniger bedeutendes Konvolut von etwa 270 Zeitungsausschnitten wurde nach seinem Tod zusammen mit seiner gesamten, rund 33.000 Briefseiten umfassenden, Korrespondenz an die Library of Congress transferiert. Die in Washington bewahrten historischen Pressemeldungen befassen sich hauptsächlich mit den Uraufführungen zu den Werken »Verklärte Nacht« op. 4 (UA 1902), »Pierrot lunaire« op. 21 (UA 1912) und »Gurre-Lieder« (UA 1913).

Digitalisate dieser kulturhistorisch lohnenden Lektüren wurden nunmehr in die Datenbank der Druckschriften (Bibliotheksdatenbank) des Arnold Schönberg Center integriert. Unter der Abfrage Library of Congress können Sie diesen Bestand ab sofort abrufen.

Projektrealisierung: Lukas Seifried